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Reformation

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Auf Luther schauen wir –

Auf Luther schauen wir – egal, ob katholische oder evangelische Christen – immer zurück. Er ist eine Person der Geschichte; der Beginn seines Wirkens liegt annähernd 500 Jahre zurück. Es ist dieser Blick in die Vergangenheit, der uns allzu oft fesselt und der auch stärker das Trennende zwischen den Konfessionen betont als das Gemeinsame.

Deshalb möchte ich Sie einladen – egal, ob katholische oder evangelische Christen – einmal die Blickrichtung zu wechseln. Sich hinter Luther zu stellen und mit ihm zusammen nach vorne zu schauen. Luther sah lange Zeit beim Blick nach vorne keine getrennte Kirche, sondern eine erneuerte Kirche; eine Kirche, die das Erlösungshandeln Christi stärker betonte als menschliches Wirken. Eine Kirche, die die Heilige Schrift als Quelle christlichen Glaubens allen zugänglich machen wollte. Das Allermeiste, das Luther sagte und wollte, würde heute nicht mehr zur Spaltung führen.

Und ich lade Sie ein, Luthers Haltung – den Blick nach vorne – im Heute einzunehmen – egal, ob als katholischer oder evangelischer Christ. Welche Kirche möchten wir in der Zukunft? Die Antworten werden je nach Konfession zum Teil unterschiedlich ausfallen, doch ist es nicht möglich, dass – wenn wir einmal über das Vor-Augen-Liegende, das Vordergründige hinausschauen, mit Luther über den Horizont blicken – das, was die Christen vor fast 500 Jahren getrennt hat, sie auch wieder zueinander führt. Eine gute Perspektive.

Michael Tillmann

Markus 3,31-35

Und seine Mutter und seine Brüder standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. Und das Volk saß um ihn herum. Und sie sagten zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. Er aber antwortete ihnen: Wer sind meine Mutter und meine Brüder? Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sagte: Seht, das sind meine Mutter und meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

In der traditionellen Theologie wird unterschieden zwischen der Ordnung der (gefallenen, sündigen) Welt und der Ordnung der (offenbarten) Gnade. Das ist ein hilfreicher Gedanke, auch wenn der Ordnungsgedanke dahinter nicht mehr aktuell ist. Doch er erfasst, was Nietzsche mit der „Umwertung aller Werte“ meinte. Die freilich wird nicht durch einen Übermenschen in Missachtung von menschlicher Schwäche und Begrenztheit gebracht, sondern tatsächlich von Jesus, und also von Gott selbst.

Gerade die Familie als (vermeintliche) Keimzelle der Gesellschaft und als (vermeintliche) biologische Gegebenheit wird von ihm ganz neu verstanden. Nicht Blut ist dicker als Wasser, sondern Liebe ist dicker als Blut. Über, unter und mit allen menschlichen Gemeinschaften ist allein die Gemeinschaft tragfähig, die auf Gott vertraut. Damit wird der traditionellen Familie nicht der Abschied gegeben. Aber sie wird ins richtige Verhältnis gesetzt: Allein Gott hat Macht über uns. Über und unter allen Ordnungen, die wir uns so geben, soll die Liebe walten. Sie, und nicht Herkunft, Verdienst und Geburt, ist das, woraus wir leben. Daraus können neue, bessere Ordnungen entstehen. Da hat die Tradition eben doch etwas Richtiges gesehen.

Roland Kupski

 

Die eine Reformation und die vielen Reformatoren

Es war eine Entscheidung des sächsischen Kurfürsten, die das kleine, unscheinbare Wittenberg mit seinen rund 2.000 Einwohnern zum Zentrum der Reformation werden ließ: 1502 gründete Friedrich der Weise in der von ihm favorisierten Residenzstadt eine Universität. Drei Jahre später verlegte der Maler Lucas Cranach seinen Wirkungsort in die aufstrebende Elbestadt, 1508 kam – als Fakultätskollege von Andreas Bodenstein zu Karlstadt – der Augustiner Martin Luther als Professor für Bibelwissenschaften an die junge Universität. Im Jahr nach der Veröffentlichung der 95 Thesen wurde Philipp Melanchthon nach Wittenberg berufen und 1521 lockte es Johannes Bugenhagen in das Zentrum der Reformation: Luthers Wirkung ist kaum denkbar ohne das Ensemble der mit ihm verbundenen Gestalten, deren Impulse bald auch andernorts wirksam wurden.

Im fränkischen Nürnberg etwa vertraten Wenzeslaus Linck, Hans Sachs und Lazarus Spengler evangelische Positionen, in Straßburg wirkten Wolfgang Capito, Kaspar Hedio und Martin Bucer, der auch in Ulm, Württemberg und Hessen maßgeblich zur Konsolidierung der Reformation beitrug. In Norddeutschland war Luthers enger Freund Johannes Bugenhagen mit der reformatorischen Neuordnung der Kirchenordnungen befasst und traf etwa in Lübeck auf Prediger, die den Mut hatten, ihre evangelischen Positionen gegen den katholischen Rat der Hansestadt zu behaupten.

Ganz gewiss wurde die enorm breite re- formatorische Bewegung durch Luthers Ideen, seine Schriften und seine ziel- strebig aufgebaute Popularität maßgeb- lich inspiriert und motiviert. Aber ohne die vielen engagierten evangelischen Prediger hätte sich die Reformation als Bewegung der Ideen und der Herzen niemals behaupten können. Wittenberg als reformatorisches Zentrum entfaltete wie Zürich und später Genf seine Wirkung nur deshalb, weil zahllose Zeitgenossen den Glaubensmut und die Entschlossenheit aufbrachten, ihr Leben für das Evangelium einzusetzen. Der Wittenberger Reformator hatte viele entschiedene Reformatoren und Reformatorinnen zur Seite.

Uwe Rieske