Sie sind hier: Startseite » Kirche » Nachgedacht

Nachgedacht

Jahreslosung 2020. „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ Mk 9,24

In diesem kurzen Satz kommen zwei grundverschiedene Weltsichten zum Ausdruck: Glaube und Unglaube. Spannend finde ich, dass und wie sie in diesem kurzen Satz verbunden sind – einfach nebeneinander – ohne moralische Bewertung. Manchmal ist es geschehen, dass jemand angesichts eines schweren Schicksalsschlages seinen Glauben verloren hat und damit das Grundvertrauen ins Leben oder an eine Instanz, die es gut mit ihm meint. Andererseits höre ich auch immer wieder von Menschen, die nach oder in einer lebensbedrohlichen Situation zum Glauben gefunden haben. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass sie Halt fanden, den sie gar nicht erwartet hatten.

Ich selber habe als 20jährige begonnen, Theologie zu studieren, auch weil ich wissen wollte, wovon meine ultrafromme Freundin da immer erzählte. Das passte nicht zu meinem durch Konfirmationsunterricht und Kindergottesdienst-Praxis geformten, damals eher kritischen, Gottesbild. Nach einigen Semestern fing ich an, meinen Glauben neu zusammenzusetzen – eine besondere Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Erst als ich im 8. Semester zum ersten Mal einen Gottesdienst und eine Predigt vorbereitete, begann sich mein Erwachsenen-Glaube zu formen. Meinen Kinderglauben hatte ich längst verloren. Dadurch, dass ich mich aber immer wieder mit der Bibel und den theologischen Themen auseinandersetzen musste und auch wollte, begann etwas Neues in mir zu wachsen … bis es erwachsen genug war, um als „Glaube“ bezeichnet zu werden. Der ist weiterhin im Wandel und Wachstum.

Unsere Kinder und Enkel an den Glauben altersgerecht heranzuführen, das ist eine wunderbare Aufgabe. Damit es nicht geschieht – wie ich es zuletzt beobachten konnte – dass 5jährige Kinder im Dom zu Köln staunend stehen und nicht wissen, dass das Baby „auf dem blauen Teppich“ Jesus in Marias Schoß ist. Auch Josef als Jesu irdischer Vater war ihnen völlig unbekannt. Auch auf die entnervte Frage der etwas älteren Cousine: „Kennt ihr denn. Gott?“ (im Sinne von „Habt ihr wenigstens schon mal was von Gott gehört?“) konnten sie auch nur mit einem verständnislosen „Nö!“ antworten. Mit dieser beiläufigen Frage hat sie diese Szene eigentlich in einen ganz großen Horizont gestellt: Niemand kann Gott kennen … klar!

Aber mal gehört zu haben, dass man an ihn glauben kann; dass er in diesem Jesus von Nazareth als Mensch mit uns Menschen neu anfangen wollte und wir darum Weihnachten feiern; dass Gott Gutes für seine Schöpfung will; dass niemand sich selbst gemacht und Dankbarkeit eine zutiefst zufriedenstellende Haltung ist; dass das Leben immer wieder neue Formen findet, was wir an Ostern feiern – das alles kann unser Leben auf neue Wege setzen. „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“

 

Ihre Pfarrerin Sylvia Pleger